Montag, 24. Juni 2013

Auf Wiedersehen, Kerim

Auf Wiedersehen, Kerim
Die Liebe des Algeriers
Dokumente zur deutsch-algerischen Geschichte während des Unabhängigkeitskrieges

Es war eine andere Zeit: Zwischen den „Supermächten“ herrschte der „Kalte Krieg“, Deutschland war in zwei feindliche Teile gespalten und die europäischen Kolonialreiche lösten sich auf, oftmals im Zuge unerbittlich geführter Befreiungskriege. Dass diese Entwicklungen vielfach zusammenhingen, ist heutzutage allgemeines Wissensgut. Wie sie aber die individuellen Biografien geprägt haben, ist weitgehend unbekannt geblieben. Umso dankenswerter ist eine kleine Buchpublikation, die nun auf Französisch und in deutscher Übersetzung erschienen ist und in der Dokumente einer solchen Biografie versammelt sind: die des Algeriers Kerim.

Sein Lebensweg ist zugleich ungewöhnlich, aber auch exemplarisch, weil er durch die politischen Vorgänge der späten 1950er und frühen 1960er Jahre bestimmt wurde: Abdelkerim Touati, 1932 geboren,  stammte aus Bejaia, einer geschichtsreichen Hafenstadt in der damaligen französischen Kolonie Algerien. Wie viele andere junge Leute seiner Generation schloss er sich der Unabhängigkeitsbewegung an.

In Frankreich wollte Kerim Mitte der 1950er-Jahre politische Wissenschaften studieren, wurde Aktivist der algerischen Studentenorganisation, Union Générale des Etudiants Musulmans Algériens (UGEMA), die der algerischen Befreiungsorganisation (FLN) nahestand. 1956 musste er Frankreich verlassen, wo die UGEMA verboten wurde, wich nach Westdeutschland aus,  um sein Studium und seine politische Arbeit fortzusetzen. Kaum bekannt ist, dass Deutschland auch während der Adenauer-Ära der algerischen Opposition weite Spielräume ließ und weitreichende Kontakte zu ihr unterhielt - trotz der zur Staatsräson erhobenen „deutsch-französischen Freundschaft“.

Für Kerim währte diese Unterstützung allerdings nicht lange, da auf französischem Druck Westdeutschland schließlich der politisch aktiven algerischen Studentenschaft, den Mitgliedern der UGEMA, das Aufenthaltsrecht entzog. Hier nun griff der Konflikt der Supermächte: Kaum war klar, dass die algerischen Studenten ausgewiesen werden würden, bot die DDR an, die „antikapitalistischen Freiheitskämpfer“ aufzunehmen. Kerim fand sich in Leipzig wieder.

In Leipzig verliebte sich die ostdeutsche Studentin und überzeugte Kommunistin Heidy in Kerim. Sie SED-Mitglied, er ein algerischer Freiheitskämpfer, UGEMA-Aktivist, beide idealistisch, von ihren politischen Zielen vereinnahmt. Und doch einfach nur verliebt.

Dann änderte sich die Lage abermals: Westdeutschland diente als eines der „neutralen“ Felder für inoffizielle Verhandlungen zwischen der FLN und der französischen Regierung, so dass auch der UGEMA wieder erlaubt wurde, in Westdeutschland aktiv zu werden. Kerim kehrte in den Westen zurück, noch vor dem Mauerbau. Nach Kerims Weggang aus Ostdeutschland veröffentlichte Heidy ihre gemeinsame Geschichte, politisch überhöht. „Adieu, Kerim!“, die Geschichte ihrer Liebe und titelgebend für das jetzt erschienene Buch. Halb poetisch, halb politisch ist der Bericht über eine zeitgebundene Liebesgeschichte, verfasst mit politischem Kalkül. Und doch ergreifend.

Wie bei den anderen Dokumenten, die das Buch versammelt, zeigt sich die historische Bedeutung dieser Texte gerade durch ihre politische Ausrichtung: Sie sind aus politischem Sendungsbewusstsein und ebensolcher Wirkungsabsicht entstanden.
Aber sie zeigen gerade dadurch, weil sie parteiisch sind, die Konfliktlinien und die Verfasstheit der streitenden Parteien sehr deutlich. Die Polemik, das Pathos sind damals ernst gemeint gewesen. Tödlich ernst.

Zur Zeit jährt sich die algerische Unabhängigkeit. 50 Jahre sind vergangen. Heidy starb nach dem Ende der DDR, ohne Kerim wiedergesehen zu haben. Kerim selbst wurde nach dem Unabhängigkeitskrieg hoher Beamter in Algerien und arbeitete für die algerische Handelsmission in Westdeutschland. Erlebt heute in Westerland auf Sylt.

Sein Buch ist ab sofort erhältlich bei www.AFARAB.de Eine Rezension dazu wurde gerade veröffentlicht.

Pressemeldung zu Auf Wiedersehen, Kerim von Abdelkerim Touati    
Ihleo Verlagsbüro, Husum