Dienstag, 27. Oktober 2020

Rezension: Dezemberkids, Roman von Kaouther Adimi

Lenos
Rezension

KAOUTHER  ADIMI

DEZEMBERKIDS
 
  
Und wieder hat Kaouther Adimi einen brillanten Roman veröffentlicht, der die algerische Gesellschaft von heute treffend beschreibt.
 
Das vierte Buch führt den Leser nach Algier, der Hauptstadt des größten Landes in Afrika. Sie hat zwar nicht so viele Einwohner wie Kairo oder Lagos, aber der tägliche Verkehr und die Wohnungsnot nerven die Leute genauso wie in den anderen Metropolen. Von daher weichen die Leute, die es sich leisten können, an die Ränder östlich und westlich von Algier aus, im Idealfall mit Meerblick oder gleich nach Europa.
 
In Dély-Ibrahim, einem Vorort im Westen, leben die Familien der ehemaligen Armeeangehörigen in der Cité 11. Dezember 1960, die ab 1987 gebaut wurde. Der Roman dreht sich um Kinder, Jugendliche, ihre Familien und einen, etwa eineinhalb Hektar großen Platz, der brach liegt und nach jedem starken Regen von Schlamm bedeckt ist und den die Kinder zum Fußballspielen hergerichtet haben. Seit Jahren kümmert sich niemand um den Platz, die Straßen herum sind immer noch nicht asphaltiert. Auch die drei zehnjährigen Kinder, Ines, Mahdi und Dschamil treffen sich regelmäßig, um hier Fußball zu spielen, wobei Ines mächtig stolz ist, dass sie mit den Jungs so gut mithalten kann. Sie ist die Enkelin von Adila.
 
Eines schönen Tages, es regnet in Strömen, Jussef und seine Freunde rauchen am Platzrand, hält eine schwarze Limousine direkt am Platz. Der Chauffeur reißt die Tür auf und hält einen Regenschirm über die beiden Männer, die aussteigen. Sie tragen dunkle Anzüge, darüber Wollmäntel und -Sonnenbrillen. Es können nur Generäle sein. Sie gehen auf den Platz und schauen sich um. Da kommt Adila, die Freiheitskämpferin auf sie zu, grüßt und fragt, was sie hier wollen? Die beiden reden von Bauarbeiten, die bald anfangen werden, weil ihnen jetzt der Platz gehört, behaupten sie, doch jeder weiß, dass sie sich den Platz unter den Nagel gerissen haben, und freuen sich auf eine gute Nachbarschaft. Doch mit der Reaktion haben sie nicht gerechnet.
 
Just in dem Moment, in dem sie die Baupläne aus der Tasche ziehen, hören sie ein lautes Kreischen. Die alte Rothaarige, ein bisschen verrückt soll sie sein, schreit wütend: „Man will euch hier nicht. Man will euch hier nicht.“ Adila zieht sie zur Seite und sie kommen auf Jussef zu, der die Alte reden hört: „Sie nehmen ihn euch weg, alles nehmen sie euch weg!...“  Die Jugendlichen gehen auf die Generäle zu und schimpfen auf sie ein. Es kommt zu einem Handgemenge und Jussef gelingt es dabei die Waffe des einen Generals aus der Hand zu schlagen. Sogar Adila schlägt mit ihrem Stock zu. Die pensionierten Obersten Mohamed und Sherif beobachten zuerst die Szene aus sicherer Entfernung, doch dann laufen sie auch auf den Platz. Der Chauffeur kauert ängstlich hinter dem Lenkrad und ruft die Polizei, die den Tumult auflöst. Jussef, sein Vater Mohamed und Adila werden abgeführt und zum Verhör gebracht.
 
Die Aufregung ist groß. Schnell spricht sich herum, was auf dem brachliegenden Bolzplatz passiert ist und sehr schnell verbreitet sich die Geschichte über zwei verprügelte Generäle in den sozialen Medien, zu schnell für manche. Die Zeitungen schreiben darüber, die Leute lachen und freuen sich über den Mut der Jugendlichen.
 
Auf Ines, Mahdi und Dschamil hat keiner mehr geachtet. Sie haben sich die Geschichte von den Jugendlichen erzählen lassen und gut zugehört. Sie schmieden ihre eigenen Pläne. Sie lassen sich Zeit mit den Vorbereitungen und dann im März, an einem Freitag, geht es los.
 
Die Autorin beobachtet genau, wie ihre Landsleute kennt sie natürlich die Machenschaften der Oberen. Wie sie selbst sagt, ist Fußball nicht nur das Spiel sondern auch eine Möglichkeit der Gesellschaft sich zu äußern, sei es mit Gesängen, sei es mit Schlachtrufen, die versteckt die Regierung treffen sollen.
 
Die Romanfiguren symbolisieren die algerische Gesellschaft: Adila, die Freiheitskämpferin steht für die erste Generation. Sie hat die Franzosen aus dem Land vertrieben, hat Bomben in Cafés versteckt. Jasmin, ihre Tochter steht für die Frauen des Landes, die zusehen muss, wie ihre Rechte immer mehr beschnitten werden. Mohamed und Sherif waren Obersten während des „schwarzen Jahrzehnts“ und mussten dem Erstarken der Islamisten zusehen, wobei Mohamed vom Glauben abfiel, was er natürlich niemandem erzählte. Die Generäle stehen für die übermächtige Armee bzw. die Mächtigen des Landes, die sich alles erlauben können und die Diktatur der Politiker überwachen. Jussef und seine Freunde sind die jetzige Generation, die die Kriege nicht mehr erlebt haben. Sie haben ganz andere Sorgen. Sie sind gut vernetzt, wissen was in der Welt passiert, sind im Internet aktiv. Sie ducken sich nicht vor den „Mächtigen“, weil sie ihnen nichts „verdanken“ müssen, außer der Misere des Landes. Mit den Kindern, die im Buch den Höhepunkt herbeiführen, bilden sie die Zukunft. Die junge Generation, die seit Februar 2019 auf die Straße geht und einen friedlichen Übergang zur wirklichen Demokratie fordert, wird bereits im Buch mit Jussef und seinen Freunden angedeutet, womit die Autorin den aktuellen Hirak, die Bewegung, vorausgesehen hat. Sie hat eine Auseinandersetzung zwischen jungen Leuten  und Generälen zum Anlass für diesen Roman genommen, die tatsächlich 2016 stattgefunden hat.
 
Auch das Nachwort der Übersetzerin Regina Keil-Sagawe soll erwähnt werden. Seit Jahren  bringt sie uns die Schriftsteller Nordafrikas näher. Sie übersetzt nicht nur aus dem Französischen, ebenso kennt sie die Situation in den Ländern des Maghreb.
 
Fazit:
Mit ihrer heiteren, bisweilen witzigen und ironischen Art beschreibt Kaouther Adimi treffsicher die Art und Weise, wie sich die algerische Regierung verhält, die Angst vor der neuen Situation hat, die sie nicht mehr beherrscht, was sie aber nicht einsehen will. Sie spannt mit ihren Figuren einen Bogen von der Geschichte (Adila) bis zur Gegenwart (Jussef und die Kinder) und bringt wie immer die Tatsachen genial auf den Punkt.
 
Ein absolut lesenswerter amüsanter Roman, der eine Auszeichnung verdient.


Dienstag, 14. Juli 2020

Zum Tode der Malerin Bettina Heinen-Ayech

Bettina Heinen-Ayech

Zum Tode der Malerin Bettina Heinen-Ayech (1937 - 2020)

Die aus Solingen stammende Aquarellistin und „Plein Air“ Malerin Bettina Heinen-Ayech ist am 07.Juni 2020 überraschend in München im Alter von 82 Jahren verstorben.

Die internationale Karriere der Künstlerin fing 18-jährig mit einem Paukenschlag an, als die damals noch unbekannte junge Malerin von der berühmten Frankfurter Galeristin Hanna Bekker vom Rath in die Gruppenausstellung „Deutsche Kunst der Gegenwart 1955/56“ aufgenommen wurde, die Werke von Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee, Max Beckmann, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner und Käthe Kollwitz auf Tournee durch Amerika, Afrika und Asien zeigte.

Der Maler Schmidt-Rottluff nahm sie unter seine Fittiche und riet ihr „Bettina bleib Dir treu“. Das Angebot von Oskar Niemeyer – der ihr anbot, die neue Hauptstadt Brasilia, die er gerade baute, mit Fresken zu bemalen – konnte sie aufgrund ihres Alters nicht annehmen.

Bettina Heinen-Ayech war die Tochter des Journalisten und Lyrikers Hans Heinen und von Erna Heinen-Steinhoff, die in dem alten Steigerhaus des Bleibergwerkes Solingen-Höhscheidt ihren Kunst- und Literatensalon hielt. So lernte Bettina – der Vorname sollte ihre Signatur werden – ihren wichtigsten Lehrer und Mentor den Kunstmaler Erwin Bowien (1899 – 1972) kennen, der ihr lebenslang verbunden blieb und mit welchem sie große Kunstreisen durch Europa machte.

Jährlich ging es nach Sylt und an die Nordsee, nach Norwegen und den Rhein runter bis ins Tessin. Bettina entwickelte sich zu einer begnadeten Landschafts- und Porträtmalerin und fand früh Sammler in Deutschland, Frankreich, Österreich, Norwegen und der Schweiz.
Nach einer Ausbildung an den Kunstschulen in Köln, München und Kopenhagen war ein monatelanger Aufenthalt an der Winterakademie im ägyptischen Luxor für sie der Weckruf der ihr das Erlebnis der Wüste und das Licht des Orients näher brachte.

1963 zog die Malerin zu ihrem algerischen Mann – dem Bauunternehmer Abdelhamid Ayech – in seine Heimatstadt Guelma und wurde zur bekanntesten Künstlerin des Landes. In Algerien wird sie oft mit Isabelle Eberhardt verglichen. Das Nationalmuseum der Schönen Künste zu Algier besitzt eine umfangreiche Sammlung ihrer Werke und sie erhielt zahlreiche Ehrungen. Viele algerische Maler sehen sich als ihre Schüler und zahlreiche Kunstbücher und Filme wurden dort über sie publiziert und gedreht.

Als Plein Air Malerin, die alle ihre Bilder in der Natur schuf, war sie auf der künstlerischen Szene außerhalb des Mainstreams und ließ sich keiner Richtung zuordnen. Zeitlebens blieb sie dem Wunsch Karl Schmidt-Rottluffs – sich treu zu bleiben – verbunden.

Das Ausstellungsverzeichnis von Bettina Heinen-Ayech umfasst über 90 große Einzelausstellungen in Museen und wichtigen kulturellen Institutionen in Frankreich, Deutschland, Dänemark, Österreich, der Schweiz und der arabischen Welt. Ihre Bilder sind in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten.

Ihre Heimatstadt Solingen ehrte sie mit dem Kulturpreis der Bürgerstiftung Baden. Der Bayerische Rundfunk drehte zuletzt eine Reportage über ihre Wiederkehr als alte Dame in dem Grenzort Kreuzthal-Eisenbach bei Isny zwischen den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg im Allgäu wo sie mit ihren Eltern und dem Künstler Erwin Bowien während des zweiten Weltkrieges versteckt lebte.

Sie hinterlässt ein großes Werk und zahlreiche Bücher, die sie über ihren Mentor publizierte. Sie gründete 1976 den Freundeskreis Erwin Bowien, welcher weltweit Mitglieder zählt und das Erbe des Meisters verwaltet und dessen Präsidentin sie bis zu ihrem Tode war.

Sie hinterlässt einen reich gedeckten Tisch!.

Den Nachlass verwaltet ihr Sohn Dr. Haroun Ayech in München, der diese Pressemitteilung verfasst hat.
Weitere Informationen unter:  www.bettina-heinen-ayech.com



Freitag, 14. Februar 2020

Algerien: Abwechslungsreiche Landschaften und Kulturen

Algerien:  Abwechslungsreiche Landschaften und Kulturen  

B.Agada, Ostalgerien
Das größte Land Afrikas bietet eine Vielfalt an landschaftlichen Schönheiten, vom Mittelmeer bis tief in die Sahara. Erste Spuren menschlicher Existenz lassen sich auf heutigem algerischem Gebiet ebenso nachweisen wie neolithische.
Von Phöniziern, Römern, Byzantinern, Arabern, Osmanen und Franzosen zeugen Ruinen, Sehenswürdigkeiten oder Kolonialarchitektur. Die Urbevölkerung, die Imazighren (Berber), interessiert uns am meisten.

Birgit Agada, Erlangen
Lichtbildvortrag
Am 4. März 2020 um 19.30 Uhr
Nürnberg, Am Katharinenkloster 6
Katharinensaal

Weitere Informationen:
Naturhistorische Gesellschaft Nürnberg e.V.
Norishalle
Marientorgraben 8
90402 Nürnberg
www.NHG-Nuernberg.de


Verwendung des Bildes verboten!

Montag, 23. Dezember 2019

Algerien: General Ahmed Gaid Salah gestorben


Algeriens Demokratiebewegung verliert ihren größten Gegenspieler
General Ahmed Gaid Salah stirbt an Herzversagen

23. Dezember 2019
Nach dem plötzlichen Tod des mächtigen Armeechefs General Ahmed Gaid Salah stehe Algerien am Scheideweg, warnte die Gesellschaft für bedrohte Völker. "Algeriens Demokratiebewegung wird durch den Tod ihres größten Widersachers gestärkt. Es ist an der Zeit, dass sich Europa endlich intensiver mit der Zukunft Algeriens beschäftigt und Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit mehr fördert. Zu lange hat die Europäischen Union (EU) darauf gesetzt, dass der mächtige Armeechef demokratischen Wandel im Land verhindert", erklärte der GFBV-Direktor Ulrich Delius am Montag in Göttingen.

General Ahmed Gaid Salah ist heute im Alter von 79 Jahren an Herzversagen gestorben.
Mit massiven Interventionen der Sicherheitskräfte und der systematischen Blockade des Zugangs von Protestierenden zur Hauptstadt Algier wurde er in den letzten Monaten zum Feindbild der Demokratiebewegung, die vor allem von jungen Menschen getragen wird.
Als der Druck der Straße zu groß wurde, erzwang er im April 2019 den Rücktritt des schwerkranken 82jährigen Staatspräsidenten Abdelaziz Bouteflika, dem er jahrelang treu ergeben war.

"Das Schicksal des größten Flächenstaates Afrikas kann Europa nicht gleichgültig sein", warnte Delius. Wenn im Nachbarland Libyen ein neuer Krieg mit internationaler Beteiligung drohe, dürfe Europa die tiefgreifenden Veränderungen in Algerien nicht länger ignorieren.
Denn Algeriens junge Bevölkerung wolle nach Jahrzehnten des Stillstands endlich Veränderung und ein Ende der Misswirtschaft der alten Machtelite.  

Bei der Niederschlagung der Demokratiebewegung hatte der General ein hartes Vorgehen gegen Demonstrantinnen und Demonstranten eingefordert, die Fahnen der indigenen Masiren (Berber) öffentlich zeigten. Obwohl die Sprache der Masiren offiziell anerkannt ist, ließ der General Angehörige der Minderheit kriminalisieren und als "Staatsfeinde" anklagen.

International ließ sich Ahmed Gaid Salah für sein Engagement gegen die weit verbreitete Korruption feiern. So ließ er führende Repräsentanten des Machtzirkels um Staatspräsident Bouteflika vor Gericht stellen, um den Zorn der Bevölkerung auf die Verantwortlichen für die verbreitete Misswirtschaft zu kanalisieren und einzudämmen. "Tatsächlich wurden mit dieser Kampagne gegen Korruption aber vor allem alte Rechnungen innerhalb der Machteilte beglichen, statt wirksam Korruption zu bekämpfen", erklärte Delius. So kritisierte die Demokratiebewegung zurecht, der General sei jahrzehntelang ein Teil dieses Korruptionssystems gewesen, das er nun vorgebe zu bekämpfen.   


Gesellschaft für bedrohte Völker
Ulrich Delius ist zu erreichen unter Tel. 0160/95671403

Weitere Informationen: www.gfbv.de




Dienstag, 29. Oktober 2019

Wunderschönes Algerien


Das algerische Fremdenverkehrsamt, Office National de Tourisme (ONT) hat diesen schönen Film über das größte Land Afrikas veröffentlicht:

Algerien - Kultur und Natur zwischen Mittelmeer und Sahara

Montag, 29. April 2019

Afrika Welt Reisen

Als Reisebüro vermitteln wir Reisen nach und in Afrika.

Eine große Auswahl finden Sie auf unserer neue Seite Afrika Reisen.

Samstag, 29. September 2018

Rezension: Was uns kostbar ist

Lenos
Rezension

KAOUTHER ADIMI

WAS  UNS  KOSTBAR  IST   Roman

Ein Mensch, der liest, ist doppelt wert“ steht auf Arabisch und Französisch geschrieben auf dem Schaufenster in der Rue Hamami Nr. 2 die früher Rue Charras hieß als Algerien noch zu Frankreich gehörte. Das Schaufenster gehört zur Leihbuchhandlung „Les Vrais Richesses“, „die wahren Schätze“ und diese Schätze sind die Bücher, die hier in Algier von Edmond Charlot (1915 - 2004) verlegt, verliehen und verkauft wurden.

2015, nach 80 Jahren, soll die Buchhandlung verkauft werden. Warum eine Stadtbibliothek/Buchhandlung einem privaten Käufer überlassen, der daraus ein Restaurant machen möchte, wo rechts eine Pizzeria und links ein Lebensmittelgeschäft ist ?, fragt sich der Journalist, der über die Schließung einen Artikel schreibt. „Es stört wohl niemanden, dass wir nicht mehr lesen, uns nicht mehr bilden können?“, denkt er. Er notiert „Der Staat verschleudert die Kultur, um an jeder Straßenecke eine Moschee zu bauen! Es gab einmal eine Zeit, in der Bücher so wertvoll waren, dass wir sie respektvoll betrachteten, sie unseren Kindern versprachen, sie geliebten Menschen schenkten!“ Wie wahr.

Der Student Ryad soll die Buchhandlung räumen, alles wegwerfen und die Wände streichen. Er begegnet Abdallah, der dort gearbeitet hat, der ihm von seinem Leben und seiner Arbeit erzählt, als die Buchhandlung eine Außenstelle der Nationalbibliothek wurde. Das war während des algerischen Bürgerkriegs (1991 - 2002).

Die Autorin Kaouther Adimi schreibt aus der Sicht der Bewohner des Viertels in der ersten Person im Plural - das verbindet. Sie blickt zurück: 1930 feiert Frankreich die Einnahme Algiers vor 100 Jahren. Die Algerier beginnen sich Gedanken zu machen. Sie wollen die koloniale Autorität und Unterdrückung nicht mehr länger hinnehmen. „Wir müssen kämpfen, Rechte einfordern, uns organisieren“, sagt der eine und der andre stimmt zu, „wie lange ducken wir uns noch? Der Code de L’indigéant macht uns zu einer Unterkategorie von Menschen in unserem eigenen Land. Hier ist aber unser Zuhause.“

Vor diesem Hintergrund eröffnet der Algerienfranzose Edmond Charlot 1936 seine Leihbibliothek, die gleichzeitig Verlag und Buchhandlung wird. Von einer Reise nach Paris hat er die Idee mitgebracht.
Die Buchhandlung soll ein Ort der Begegnung mit der Literatur, der Freunde und Autoren werden, die „das Mittelmeer lieben“ - auf beiden Seiten. Sein Traum ist, das zu publizieren, was ihm gefällt und dass er „vor der Presse und den Lesern wirklich vertreten kann“. Albert Camus ist von Beginn an dabei, später verlegt Edmond Charlot die Schriftsteller Jean Giono, Jean Amrouche, Jules Roy, Mohammed Dib, Mouloud Feraoun,  André Gide, Kateb Yacine und viele andere. Sein Motto: „Junges, von Jungen für Junge“.

Immer wieder hat Edmond Charlot mit den Wechseln der Geschichte zu kämpfen. 1939 veröffentlicht er als erster das Buch „Noces“ (Hochzeit des Lichts) von Albert Camus und wird zur Armee eingezogen. Im Juli 1940 kehrt er nach Algier zurück. Nur unter Schwierigkeiten betreibt er sein Geschäft weiter, es gibt kein Papier, anderes ist wichtiger als Lesen, die Druckerei ist geschlossen, Geld ist kaum vorhanden. Trotzdem erhält er weiterhin viele Manuskripte und muss die Schriftsteller vertrösten. Die Leser nehmen was da ist.
1942 verbringt er einen Monat im Gefängnis, weil er von Gertrude Stein denunziert wird. Frankreich und Algerien waren von Deutschland besetzt. 1945 wird er wieder eingezogen, dieses Mal nach Paris. „Les Vrais Richesses“ führen seine Frau und sein Bruder weiter. In Paris gründet er einen zweiten Verlag, doch auch in Paris gibt es Schwierigkeiten, nicht nur mit der Papierbeschaffung und den Finanzen, sondern auch mit Konkurrenten. Die Schulden belaufen sich auf mehrere Millionen Franc und so kehrt Edmond Charlot gescheitert 1948 nach Algier zurück. Dann beginnt 1954 der algerische Unabhängigkeitskrieg. Schriften werden zensiert, die Gründung einer Zeitschrift verschoben, Algerier werden gefoltert, ermordet. 1961 werden die zweite Buchhandlung von Edmond Charlot und das Archiv durch einen Bombenanschlag zerstört. Alles ist kaputt, nur noch Schutt und Staub. War es ein Anschlag der OAS? Das Ende Frankreichs in Algerien zeichnet sich ab. Edmond Charlot hat Glück im Unglück. Er erhält eine Arbeit beim Radiosender France 5 Algier.   

Fazit:
Eine unglaublich beeindruckende Arbeit der jungen Schriftstellerin Kaouther Adimi. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen Literatur und Zeitgeschehen her und beleuchtet das Zusammenleben zwischen Algeriern und (Algerien-)Franzosen. Gleichzeitig erinnert sie an die vielen Schriftsteller, die Edmond Charlot durch seinen Verlag bekannt und berühmt machte.
Der Leser erfährt nicht nur, wie schwierig es in der damaligen Zeit war eine Buchhandlung zu führen sondern auch, wie wichtig die Arbeit des Verlags war, der schnell Flugblätter drucken oder ein Theaterstück, das verboten wurde, als Roman herausgeben konnte.
Für die Freunde, die Autoren waren, war Edmond Charlot als Verleger wie ein Vater, der seine Kinder an die literarische Hand nahm und sie immer unterstützte. Trotz der vielen Änderungen in seinem Leben hielt Edmond Charlot an seiner Arbeit fest bis es nicht mehr ging.

Ein wunderbar, einfühlsames Buch mit viel Sorgfalt und Liebe zur Literatur geschrieben.

PS. Bei meinem nächsten Besuch in Algier werde ich in die Rue Hamami gehen... Tatsächlich war ich Anfang Juni 2019 in Algier und habe die Bibliothek besucht.

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Donnerstag, 27. September 2018

Wieder Tuareg in Mali ermordet

GfbV

Tuareg-Nomaden ermordet - Kein Ende der Gewalt in Mali

Nach der Ermordung von mindestens 19 unbewaffneten Tuareg-Nomaden im Norden Malis hat die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) eine unabhängige Untersuchung der Übergriffe und einen besseren Schutz der Zivilbevölkerung gefordert. „Der Norden Malis kommt nicht zur Ruhe. Radikale Islamisten und Banditen schüren Gewalt und Spannungen in der Region. Weder die UN-Friedenstruppe Minusma, noch der französische Antiterror-Einsatz Barkhane oder Malis Armee sind dazu in der Lage, den Schutz der Zivilbevölkerung zu gewährleisten“, erklärte der GfbV-Direktor Ulrich Delius am Mittwoch in Göttingen.
Der neu gewählte Staatspräsident Malis Ibrahim Boubacar Keita hatte noch am letzten Samstag angekündigt, der Herstellung der Sicherheit im Land oberste Priorität für seine nun beginnende neue Amtsperiode zu geben.

Mindestens 17 Nomaden wurden am Dienstag bei einem Überfall unbekannter bewaffneter Motorradfahrer auf zwei Tuareg-Camps getötet. Die Lager lagen 45 Kilometer westlich der Stadt Menaka im Nordosten des Landes. Die Angreifer erschossen die 17 Zivilisten der Tuareg-Gruppe der Ibogholitane, die sie in den Camps antrafen. Unter den Getöteten waren auch viele Jugendliche.   

Am letzten Samstag waren in der Stadt Kidal zwei führende Clan-Chefs der Tuareg von radikalen Islamisten auf offener Straße erschossen worden. Saida Ould Cheik Cheick und Mohamed Ag Eljamet wurden von schwer bewaffneten Motorradfahrern umringt und getötet.

Schutz der Zivilbevölkerung muss verbessert werden

Die GfbV warnte, die Morde würden den Kreislauf der Gewalt im Norden Malis weiter schüren. Dringend müssten die Verantwortlichen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden. „Die eskalierende Gewalt im Norden Malis zeigt, wie wichtig es ist, dass Malis Regierung endlich das Friedensabkommen mit den Tuareg umsetzt, um die Beachtung von Recht und Gesetz im Norden Malis wirksam durchzusetzen. Islamisten und Banditen dürfen nicht länger von rechtsfreien Räumen profitieren“, erklärte Delius. Die Menschenrechtsorganisation wirft der Regierung Malis vor, das im Jahr 2015 vereinbarte Friedensabkommen mit Tuareg-Gruppen nur schleppend umzusetzen und damit die Unsicherheit im Norden des Landes zu schüren.   

Weitere Informationen:

Mittwoch, 5. September 2018

Rezension: Der vierte Spiegel des Emirs von Cordoba

HWS
Rezension

CLUSE  KRINGS

DER  VIERTE  SPIEGEL

Der letzte Emir der Omayyaden, Abderrahmane ist nach einer abenteuerlichen Flucht aus Damaskus, die im ersten Band ausführlich beschrieben wird, in Ifriqiya (dem heutigen Tunesien) angekommen.
Die Familie seiner Mutter, die als Sklavin nach Syrien an den Hof gebracht wurde, hat ihn und seine Begleiter aufgenommen. Nun lebt er mit ihnen einige Jahre und lernt die Sitten und Gebräuche der Nafsa-Berber kennen.

In Syrien hatten die Abbasiden die Omayyaden vom Kalifenamt und der Macht vertrieben, in dem sie alle Mitglieder der Familie ermordeten, außer Abderrahmane und zwei Brüder, die nicht an dem letzten Bankett teilnahmen, bei dem das Gemetzel stattfand.

Nun erfährt Abderrahmane, dass der Führer der Abbasiden nicht mehr lebt. Er muss sich nicht mehr verstecken. Mit den Amazigh seiner Familie kann er sich nicht recht anfreunden, zu fremd ist ihm die Kultur der Berber in der Nordsahara. Er sendet seinen Diener in das heutige Andalusien, wo dieser die Ankunft des letzten Omayyaden-Emirs vorbereitet.

In Andalusien haben sich schon früher einige Omayyaden niedergelassen und Abderrahmane hofft auf deren Unterstützung bei seiner Ankunft. Die Situation vor Ort ist verwirrend, denn die vielen Gruppen - Goten, Amazigh, Araber, Juden, Christen und Muslime, Sunniten, Schiiten - wollen sich nicht einigen.
Abderrahmane wird von seinem Diener als künftiger Emir von Al Andalus, Befehlshaber der Gläubigen von Al Andalus angekündigt, aber seine Ankunft auf der iberischen Halbinsel verläuft eher ruhig als mit Prunk. Nachts landet das Schiff an der Küste, mit dem er das Mittelmeer überquert und die kleine Karawane mit den Neuankömmlingen und Begleitern macht sich eher heimlich und vorsichtig auf den Weg in das Landesinnere.

Zu verworren ist die Lage und ob alle Gruppen sich zu Abderrahmane hinwenden ist fraglich. Er muss sich auf viele neue Ratgeber verlassen, aber ist sich nicht sicher, ob er auch allen vertrauen kann.
Zwischen dem aktuellen Herrscher Jusuf und seinem General al-Sumail herrschen Spannungen und jeder will regieren. Da kommt Abderrahmane gerade recht, aber dieser hält zunächst nicht viel von Schlachten, sondern bemüht sich mit Verhandlungen die uneinigen Gruppen hinter sich zu sammeln. So werden seine Anhänger auf dem Weg nach Cordoba immer zahlreicher. Seine Begleiter allerdings nutzen die Ankunft des letzten Omayyaden zur Vorbereitung auf eine große Schlacht und mit List wird das Heer von Jusuf geschlagen.

Nach und nach einigt Abderrahmane das Land und verteidigt es gegen erneute Angriffe der Abbasiden, Karolinger und rachsüchtigen Gegnern im eigenen Land.
Nach über 20 Jahren an der Macht zieht Abderrahmane ein gemischtes Resümee. Sein Sohn Hischam I. wird 788 Nachfolger sein auf dem Thron.
Am Ende seiner Regierungszeit lässt er die heute berühmte Moschee von Cordoba bauen, dessen Fertigstellung er nicht mehr erlebt.

Autor:
Cluse Krings, geboren 1959 in Aachen, lebt und arbeitet in Berlin, München und Almeria. Er ist ein deutscher Autor, Theatermann, Ethnologe und Journalist. 2008 veröffentlichte Cluse Krings den ersten Band einer Roman-Biographie über Abd ar-Rahman I., den ersten Emir von Córdoba, unter dem Titel Die vier Spiegel des Emirs von Córdoba. Zwischen 2011 und 2013 erarbeitete er den Soundtrack für das Hörbuch Der Emir von Córdoba mit Musikern aus Berlin, Kairo und Andalusien. 2014 erschienen zeitgleich das Hörbuch und ein Album mit einer Musikauskopplung des Hörbuchs unter dem Titel New Andalusian Music. Seit Mitte der 2010er Jahre nutzte Cluse Krings seine Erfahrungen aus mehr als 20-jähriger Forschung zum aufgeklärten Islam Andalusiens für die Arbeit mit jungen Flüchtlingen. Er hält Vorträge über den Umgang von Therapeuten und Ärzten mit Menschen aus fremden Kulturen. Politisch vertritt er die These, dass die zunehmend ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen in Teilen der Bevölkerung von Politik und Medien systematisch erzeugt wurde. (Quelle: Wikipedia)

Fazit:
Dass das zweite Buch die Fortsetzung des ersten Bandes ist, erkennt man bereits an der Seitennummerierung, die fortlaufend ist und nach 1158 Seiten endet die Geschichte. Ebenso interessant ist auch die Entstehung, die Cluse Krings im Anhang unter dem Titel „Dichtung und Wahrheit“ auf über 40 Seiten detailliert erläutert. Nach 20jähriger Arbeit liegt nun ein sehr ausführliches Buch vor, das das Leben des letzten Omayyaden-Emirs Abderrahmane I. (ca. 730 - 788) nachzeichnet, von dem man kaum mehr wussste, als das er vor den Abbasiden nach Spanien geflohen war. Und doch fand der Autor bei seinen Recherchen viele historische Quellen und die meisten Personen, die im Buch eine größere Rolle spielen, sind historisch belegt.

Der Autor stellt den Beginn des Mittelalters durch die Beschreibung der Gegebenheiten im 8. Jahrhundert wie Sitten und Gebräuche der Einheimischen, Klima, Vegetation und Landschaft bildhaft vor. Die über Jahrhunderte mündlichen Überlieferungen finden sich, zusammen mit Erkenntnissen durch Ausgrabungen und Forschungen aus neuerer Zeit im Text wieder.
Das ausführliche Glossar und die Literaturhinweise komplettieren die interessante und spannende Biographie.
Das Buch ist eher ein romanhaftes Sachbuch als ein Historienroman, manchmal etwas langatmig, aber durchaus flüssig zu lesen, lehrreich und empfehlenswert.


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Freitag, 20. Juli 2018

Marokko ist kein sicheres Herkunftsland !


Gesellschaft für bedrohte Völker widerspricht: Marokko ist kein sicheres Herkunftsland - Bundesregierung ignoriert schwere Menschenrechtsverletzungen

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat den Beschluss der Bundesregierung, Marokko und andere Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern zu erklären, scharf kritisiert.

„Einen Staat wie das Königreich Marokko, in dem die Organisation einer Demonstration mit 20 Jahren Gefängnis geahndet wird, zum sicheren Herkunftsland zu erklären, ist willkürlich und ignorant. Entweder kennt die Bundesregierung die reale Menschenrechtslage nicht oder sie interessiert sich nicht dafür. Beides spricht nicht für eine gute Vorbereitung dieses Gesetzesvorhabens, das der Bundesrat jetzt noch beschließen muss“, erklärte der GfbV- Direktor Ulrich Delius am Donnerstag in Göttingen.

Nachdrücklich verwies die GfbV auf die Verfolgung der Protestbewegung Hirak im Rif-Gebirge im Norden Marokkos. Die vor allem von Masiren (Berbern) getragene soziale Bewegung beklagt, dass in den vergangenen anderthalb Jahren mehr als 400 ihrer Mitglieder und Unterstützer verhaftet und Dutzende in Gerichtsverfahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Erst am 26. Juni 2018 waren ihr Sprecher Nasser Zefzafi und drei führende Vertreter Hiraks in einem vielbeachteten Gerichtsverfahren zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Weitere 49 Angeklagte erhielten oft langjährige Haft- oder Geldstrafe, unter ihnen Mohamed Haki, Zakaria Adechchour, Mahmoud Bouhenoud, die 15 Jahre Haft absitzen müssen. Sieben andere Verurteilte müssen wegen angeblicher „Gefährdung der Staatssicherheit“ für zehn Jahre ins Gefängnis.  

Dies waren nicht die ersten Prozesse gegen Unterstützer dieser sozialen Bewegung, die mit ihren Protesten gegen Korruption, Machtmissbrauch und Vernachlässigung der verarmten Rif-Region seit Herbst 2016 weltweit für Schlagzeilen sorgte, berichtete Delius. „Das Schweigen der Bundesregierung zu der willkürlichen Verfolgung von Hirak hatte uns schon gewundert. Sollte dies darauf zurückzuführen sein, dass Marokko um jeden Preis zum sicheren Herkunftsland erklärt werden soll, so ist das skandalös und keine Werbung für deutsche Menschenrechtspolitik.“

Brutal niedergeschlagen wurden nicht nur die Proteste von Hirak. Auch die Medienberichterstattung über die Demonstrationen wurde von den Behörden Marokkos massiv unterdrückt. So wurden marokkanische Journalisten inhaftiert, ihre Webseiten willkürlich geschlossen und ausländische Berichterstatter gezielt am Zugang zu der Rif-Region gehindert. Der Journalist Hamid el Mahdaoui wurde wegen seiner Berichterstattung über Hirak zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Rechtsanwälte der Inhaftierten warfen den marokkanischen Ermittlungsbehörden die Folterung ihrer Mandanten vor. Aufgrund der Repression fliehen immer mehr Menschen aus Marokko nach Spanien.

Ulrich Delius ist zu erreichen unter Tel. 0160/95671403
Gesellschaft für bedrohte Völker www.gfbv.de